Unser Abenteuer Nicaragua 2017

Mit einer Gruppe von 23 abenteuerlustigen Stellinger Jugendlichen haben wir 14 intensive Tage in Nicaragua verbracht.
Dieses war der zweite Teil des Austausches, der Erfahrungen auf verschiedenen Ebenen bietet: Kulturelle Erkenntnisse und Erlebnisse in der Gruppe – Auseinandersetzung mit der eigenen und fremden Kultur und Orientierung in einer Gastfamilie sowie in der gemischten Austauschgruppe. Die Beschäftigung mit einem spezifischen Thema – dieses Jahr war es „Demokratie“, letztes Jahr „Ökologie und der interozeanische Kanal“ und zudem der Besuch spannender Projekte im Land.

Kultur, Land und Leute
Wir erleben viel Neues und Andersartiges, sehen heiße Lava, enormen Arm-Reich-Kontrast, Straßen ohne Straßennamen („Carretera Sur km 10 1/2, bei der Konditorei Sampson 400m geradeaus, drittes grünes Tor linker Hand“), unreife grüne Mango mit Chilli und Salz, viel Wellblech und fliegende Händler. Nicht „Plastik war gestern“ – Plastik ist einfach überall! Warten hilft immer und kostet weniger. Dein Reisepass entscheidet manchmal darüber, wie du behandelt wirst und ob du eine teils unfreundliche lange Befragung über dich ergehen lassen musst – oder nicht … Wichtige Menschen unterwürfig anlächeln hilft beim Einreisen wie auch bei Eintritten … Erdbeben können eine Stadt nachhaltig in Strukturlosigkeit verwandeln. Militär versteht keinen Spaß, wenn es um Fotos geht. Rumliegen und warten kann man hier überall, einige werden dafür bezahlt und haben bisweilen Polizeiwappen auf dem Revers. Seen, Vulkane, Palmen, Bananenplantagen und Papayas. Kolibris, schwarze Pelikane, Reiher. Tiere auf der Straße, auf der wir mit dem Bus durchwollen. Ländliches, teils spärliches Leben. Häuser meist ohne Fenster. Pferde, Kühe und Schweine am Wegrand.
Einblicke von einem nochmal ganz anderen Teil des Landes, am Flughafen: Kinder mit der gleichen stoischen Ruhe und Geduld wie alle ihre Mamas. Diese sind auch gerade mal 15 Jahre älter als sie. Kein Kind bekommt Spielzeug, blöde Handyspiele oder so, sie warten einfach. Alte Männer trinken derweil einen Flor de Caña (Rum) nach dem anderen, es ist morgens 9.30 Uhr. Draußen soll der Labrador, der immerzu deutschsprachige Kommandos bekommt, den kleinen aufgestapelten Gepäckberg absuchen. Er bleibt bei der riesigen Minionpiñata hängen. Auf dem Flugfeld bringen Trecker, die drohen gleich zusammenzubrechen, die Tankfüllungen zu den kleinen Flugzeugen. Es sind 34 Grad, drinnen neben der Klimaanlage runtergekühlt auf 12 maximal. Seit 2 Stunden Nichtstun. Kein Buch, kein Handy, ein Selbstversuch nicaraguanischer Ruhe – einfach warten.

Verschiedene spannende Projekte
In Hamburgs Partnerstadt León, einer alten Kolonialstadt, besuchen wir das Projekt „Las Tías“ („die Tanten“). Dort können Kinder und Jugendliche, die unter sehr schwierigen Bedingungen aufwachsen, Unterstützung und Essen bekommen. Dort wird auch ihr  Schulbesuch ermöglicht. Wir übergeben Federmäppchen, von denen ein Modedesign-Kurs aus Jahrgang 10 unserer Schule in eifriger Arbeit 60 Stück genäht hat. Stolz und voller Freude werden sie angenommen. Wir spielen und basteln mit den Kleinen, springen mit den Größeren in die Wellen des Pazifiks – manche der nicaraguanischen Jugendlichen sehen zum ersten Mal das 30 Minuten entfernte Meer. In Hamburg hatten wir fleißig Sachspenden gesammelt, die wir in die Hände der Leitung zum weiteren Verteilen übergeben. Die Zeit mit den Kindern und Jugendlichen und das was wir über das Projekt erfahren berührt und bewegt uns.

Wir besuchen ein weiteres beeindruckendes Projekt: das Café de las Sonrisas – Café des Lächelns. Der inspirierende Gründer Tío Antonio erzählt. Heutzutage arbeiten 40 junge Menschen im Projekt, die Hälfte ist taub, einige sind blind. Es gibt ein Restaurant und eine Hängemattenwerkstatt. Wir essen lecker zu Mittag, lernen unsere Namen auf Gebärdensprache und dürfen uns beim Knüpfen ausprobieren. Einer der Blinden ist der schnellste im Knüpfen. Tío Antonio verdeutlicht, dass wir die Jugend sind, die Dinge verändern kann. Und das sollte man auch tun: Dinge anpacken, Ziele verfolgen, nur keinem dabei auf die Füße treten. Bei Manchen kommt die Botschaft an.

Demokratie (?!) und andere Themen des Landes
Wir setzen uns mit der aktuellen und vergangenen Politik des Landes auseinander. Sehen einen Vulkan, in den während der 45-jährigen Diktatur unter der Familie Somoza vom Helikopter aus Gegner hinein geworfen wurden.
Heutzutage ist Präsident Ortega an der Macht, der früher selber den Umsturz der Diktatur mit vorangetrieben hat. Die heutige Entwicklung der Partei wird von einigen kritisch gesehen. Einiges wogegen man früher selbst gekämpft hat, wird nun von denen an der Macht selbstverständlich gelebt. Korruption, Vetternwirtschaft, Gesetze werden zu den eigenen Gunsten verändert …

Wir sehen die enorme Ungerechtigkeit des Landes. Ein Lehrer einer staatlichen Schule, der in Klassen mit bis zu 80 Kindern unterrichtet, bekommt 220 Dollar pro Monat. Schulgeld an einer Privatschule kostet hingegen etwa 300 Dollar. Viele aus der Oberschicht haben Chauffeure und Gärtner. Laut der Vereinten Nationen belegte Nicaragua 2015 beim Thema Armut Platz 125. Nicaragua ist nach Haiti das zweitärmste Land Mittelamerikas. Jedoch ist es das sicherste in Zentralamerika. Die Armut ist zurzeit rückläufig. 29,6% der Bevölkerung leben in Armut (2 Dollar oder weniger pro Tag), die Analphabetenrate liegt bei über 15-Jährigen bei 22%.

Am Ende der Reise dann ein weiteres Highlight: Wir haben ein intensives Gespräch mit Gioconda Belli, einer der international bekanntesten lateinamerikanischen Autorinnen.
Sie überzeugt durch ihre klaren ehrlichen kritischen Aussagen gegenüber der aktuellen Politik in Nicaragua und gibt weitere spannende Impulse: „Die Welt befindet sich in einer Krise, ihr seid die Generation, die etwas tun kann! Wer denkt, einer sei zu klein um etwas zu verändern, sollte sich selbst vorstellen, mit einer Mücke im Schlafzimmer zu sein… Manchmal dauert Veränderung, aber es lohnt sich, zu kämpfen!“.  Abschließend kommt sie bezüglich der Politik des Landes zum selben Schluss wie wir: Es ist kompliziert!

Als der Abschied näher kommt, werden Wünsche geäußert, an Palmen gebunden zu werden, um im Land zu bleiben. Vielleicht liegt es an neu gewonnenen Freundschaften, an der Lebensfreude, auch von Menschen, die vielleicht nicht so viel Geld haben oder am Temperaturunterschied von vielleicht 37 Grad. Wir freuen uns aber auch auf Dinge: Es wird vom Essen gesprochen, von Toiletten mit mehr Wasserdruck und von nahen Menschen.

Unsere Welt ist ja derzeit etwas aus den Fugen. Wir bekommen Anregungen auf der Reise, wie damit umgegangen werden könnte. Selbst aktiv werden. Etwas tun.
Der zentrale Satz des Schulleiters der deutschen Schule Managua in der Begrüßungsrede: „Die Welt braucht Brücken und Freundschaften“.
Wir sind uns sicher, der Austausch war ein voller Erfolg! Es hört sich an, als hätten die Jugendlichen Vieles mitgenommen, verstanden und gelernt. Gedanken, Erkenntnisse, Weltverstehen.