Reisebericht aus Sarajevo 2019

„Ich habe viele neue und wichtige Erfahrungen gesammelt.“

September 2019: 11 aufregende Tage verbringen wir für den 11. Austausch mit dem Vierten Gymnasium in Sarajevo/Ilidža mit 15 hamburger Jugendlichen aus den Jahrgängen 9 bis 11 in Bosnien und Herzegowina.

Die Tage sind voll, die Cafés auch, die Portemonnaies der Sarajlije (der Einwohner Sarajevos) wohl leider oft eher nicht. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt 2018 laut Weltbank bei etwa 67,5%. Die Cafékultur beeinflusst dies nicht. Dort verbringen auch einige unserer Jugendlichen viel Freizeit.

Zwischen 2013 und 2018 haben etwa 150 000 Menschen das Land verlassen. Bei einer Gesamtbevölkerung von 3,5 Millionen und etwa 300 000 Einwohnern in der Hauptstadt ist das verhältnismäßig ganz schön viel. Es bedeutet etwas, wenn man sagt, man will im Land bleiben. Zum Glück treffen wir ein paar junge Leute, die das wollen.

Der deutsche Fachkräftemangel und die schwierige bosnische wirtschaftliche Lage tragen neben anderen Punkten beide zu dieser Situation bei.

In Sarajevo wird die Orientierung und das Zurechtfinden ohne Handy für einige Jugendliche herausfordernd. Jedoch werden schließlich alle immer wiedergefunden und sind wohlbehalten. Gespräche, Aushandlung, Bedürfnisse und Wünsche äußern. Austausch im direkten Sinne des Wortes.

Wenn man durch die Straßen läuft oder mit Straßenbahn oder Bus fährt, sieht man ab und zu noch Einschusslöcher von der Belagerung Sarajevos, die vor 23 Jahren zuende ging. Oft fallen sie kaum auf. Granateneinschläge auf dem Schulhof des Vierten Gymnasiums Ilidža, unserer Partnerschule, über die man oft geht, ganz ohne sie überhaupt zu bemerken. Aber heißt das, alles ist nach der Belagerung Sarajevos 1992-96 vergessen und gut? Auf die hamburger Jugendlichen wirkt es meist so. Doch der Schein trügt. Wir können nur die Oberfläche dieses besonderen Landes sehen.

Reflexion in der hamburger Gruppe nach einigen Tagen – Das mag ich hier, das ist anders: Viel mehr Freiheit, man kann hier viel mehr machen, die Familien sind so herzlich, das Essen so gut.
Das hat mich bisher irritiert, war komisch oder ungewohnt: Unpünktlichkeit, fehlende Verlässligkeit, dass die Gruppe so groß ist und es mehrere kleinere Gruppen gibt.

„Es war die beste Zeit meines Lebens, bis jetzt. Die Zeit da war echt toll und ich bereue es kein Stück, wenn ich könnte, würde ich nochmal 10 Tage da bleiben. Am besten direkt ein ganzes Jahr.“

Wir besuchen eine Ausstellung zur Kindheit im Krieg und führen dort einen Workshop zum Thema Frieden durch.
Wir besprechen was es allgemein zur Friedensbildung in einer Gesellschaft braucht: 1. Frieden mit dir selbst, 2. Frieden mit den anderen, 3. Frieden zwischen gesellschaftlichen Gruppen (z. B. Religionsgemeinschaften), 4. Infrastruktur wie Straßen, Schulen, Krankenhäuser.
Es werden von den Jugendlichen Gedanken genannt zur Frage was Frieden ist:
Freiheit von Gedanken und Meinungen, keine Diskriminierung, Toleranz, Stille, Zuhören, Probleme klären ohne Kampf, Akzeptanz von Religion/Gender/Alter, Freunde, Familie, Liebe, saubere Luft, Zufriedenheit, Essen.
Zur Frage was Individuen oder sie selbst davon abhält, sich zu engagieren, sammeln sie: Politiker, ungleiche/ungerechte Verteilung von Geld, Medien, keine Zeit, zu viel Schule, Erziehung, alte Ideen, fehlendes Wahlrecht, manche Lehrer, Religion, meine Umgebung, Rassismus, Homophobie, Sexismus, Ablehnung, fehlende Wertschätzung, Geld, Hass, Angst.

In der Ausstellung sieht man Gegenstände und liest Geschichten dazu von Menschen, die im Bosnienkrieg selbst Kinder oder Jugendliche waren.
Neben einem Buch steht: „Jede Stunde, die ich lesend verbracht habe, war eine Stunde ohne Krieg. Auch wenn sie nur in meinem Kopf passiert ist“ – Azra, geboren 1982.

Die Ausstellung ist inzwischen um Exponate aus dem aktuell kriegsgebeutelten Land Syrien erweitert. Ein Mädchen beschreibt auf ähnliche Weise ihre Wünsche wie auch unsere Gruppe während des Workshops: „Ich wünschte, dass die Leute anfangen würden, einander zuzuhören und zu verstehen. Jede Person hat die Freiheit anders zu denken, und jeder sollte die Meinungen und verschiedenen Hintergründe anderer respektieren“ – Nataline, aus Syrien, geboren 2002.

Am Freitag fahren wir gemeinsam mit dem Bus nach Jajce, wo wir über Nacht bleiben.
Wir fahren durch grüne bewaldete Berge, sehen immer wieder Minarette und Friedhöfe mit muslimischen Mamorstehlen an den Hängen. Auch nicht fertig gestellte Häuser prägen oft das Bild. Da man keine Steuern zahlen muss, so lange ein Haus nicht ganz fertig gebaut wird, dauert es bei vielen Gebäuden extra etwas länger bis zur Fertigstellung.
Der Bus fährt durch die Föderation Bosnien und Herzegowina. In anderen Teilen des Landes oder dem politisch getrennten Teil Republika Srpska wäre sicher ein anderes Bild an Gotteshäusern zu sehen. In Sarajevo sieht man alles nebeneinander: Moscheen, orthodoxe und katholische Kirchen und Synagogen.

In Jajce erzählt uns eine junge Aktivistin von dem erfolgreichen Kampf 2016-18 gegen die Einführung einer nach Ethnien getrennten Schule. Weil es keine andere Möglichkeit gab, war sie neun Jahre lang auf einer von etwa 45 Schulen in Bosnien, die den Unterricht nach Ethnien getrennt durchführen. Katholisch/kroatisch und muslimisch/bosniakisch. Serbisch orthodoxe Bosnier leben in diesen Gebiet nicht viele.
Azra aus einer bosniakischen Familie musste also jahrelang in dieser so genannten „Zwei Schulen unter einem Dach“ morgens den anderen Eingang in das Schulgebäude nehmen als ihre beste Freundin, die aus einer Familie mit katholisch/kroatischen Wurzeln stammt.
Vielleicht ist deshalb die Energie von ihr und anderen Mitstreiter*innen so groß, da sie nach der neunjährigen Grundschule nun endlich alle gemeinsam lernen wollen. Unabhängig der Herkunft, die meist aktuell nicht von großer Bedeutung ist.
Die muslimisch und katholisch gemischte Bevölkerung in Jajce versteht sich gut, Spannungen sind nicht zu spüren. Die Idee, die ethnische Trennung auch nach der Grundschule weiterzuführen, kommt allein aus der Politik. Politiker versuchen ihr Ziel mit unlauteren Mitteln zu erreichen. Es gibt eine Petition mit 5000 Unterschriften aus einem Dorf mit nur 1000 Einwohnern. Mit Lügen und Betrug soll das Ziel der Schule mit bosniakischem/muslimischem Lehrplan erreicht werden.
Die Schüler*innen der Schule kämpfen viel und stoßen immer wieder an die Mauern der Politik, müssen erleben wie mächtig manipulative Medien sind, die gegen sie arbeiten, oder der Schulleiter des einen Gymnasiums, der bei Engagement für eine Schule mit multiethnischem Lehrplan mit Schulrauswurf droht. Die Schüler*innen bilden einen Schülerrat und bekommen Unterstützung von Eltern, Lehrkräften, internationalen Botschaften, NGOs und positive Aufmerksamkeit von manchen internationalen Medien. Und schließlich hat ihr Kampf Erfolg: die dritte Schule wird nicht nach Ethnien getrennt und der Abschluss kann gemeinsam erreicht werden.
Es ist für die hamburger Jugendlichen schwer, sich so eine Situation vorzustellen, in der man schulisch getrennt werden soll nach Herkunft oder religiösen Wurzeln, die vielleicht im aktuellen Leben keine große Rolle spielen.
Azra fragt die Jugendlichen aus Hamburg und Sarajevo wofür sie sich bereits eingesetzt und gekämpft haben und bekommt leider nicht viele Antworten. Vielleicht springt ein Funken von dieser engagierten jungen Frau über und in ein paar Jahren sind da mehr Antworten zu hören. Wir würden es uns wünschen.

Beim Rundgang durch die Stadt begleiten uns immer wieder Straßenhunde. Am Abend davor hat eine interessante Mischung aus Gebet des Muezins und Musik aus Clubs und Bars unseren Heimweg ins Hostel begleitet.
Am nächsten Tag auf dem Rückweg nach Sarajevo im Bus gibt es wieder einen lautstarken musikalischen Battle, der aber mehr Spaß als Ernst ist.

Wir erleben noch viel mehr in Sarajevo/Ilidža: ein Tag in den Gastfamilien, eine Ausstellung über das Massaker in Srebrenica, Rafting in Konjic, Besichtigung des Tunnels, der zeitweise einzigen Verbindung raus aus der belagerten Stadt, Eindrücke der Stadt von den Bergen aus.

„Die Stadt und das Essen bekommen von mir 11 von 10 Punkten. Die Gastfamilie ist wie meine zweite Familie.“

Sarajevo hat eine Seele, die manch einen berührt und nicht loslässt. Ein paar der Jugendlichen nehmen zum wiederholten Mal am Austausch teil. Sie hatten erneut „Bock auf Burek, Balkan, Bosnia“.
Wir wünschen uns, ihnen und all den anderen intensive Einblicke und tiefes Verstehen um einen so jungen und nahen Krieg zu ermöglichen und hoffen, dass die Wichtigkeit von Demokratie, Engagement, Kompromissen und Akzeptanz von Andersartigkeit in den Köpfen hängen bleibt. Ein Austausch, der Samen sät und Funken freisetzt.
Am Flughafen nehmen die meisten von uns widerwillig Abschied, Tränen fließen, wir freuen uns auf den Rückbesuch der Bosnier in ein paar Monaten!

Mitgefahren sind:
Aaliyah K., Antonio P., Denis Ö., Ferdi S., Florian R., Helen H., Luca S., Lulu M., Malik A., Matti R., Mila R., Nejla B., Noah S., Sina B., Yasemin H.

Organisation und Begleitung: Magdalena Andrijanić und Anne Knüppel
Fotos: Austausch-Teilnehmer*innen und Melina Mörsdorf