Kompetenzorientierung und Individualisierung

Wir fördern alle Kompetenzen unserer Schüler_innen

Individualisierung im Unterricht an der Stadtteilschule Stellingen
Dr. Katharina Willems (didaktische Leiterin der Stadtteilschule Stellingen)
Individualisierung in den Lernprozessen wird an der Stadtteilschule Stellingen groß geschrieben. Warum?

Wir sind davon überzeugt, dass Lehrende zu weiten Teilen die Verantwortung für Inhalte, Methoden und Ergebnissicherung in ihrem Unterricht tragen.
Dennoch glauben wir auch, dass Lernende nicht immer im Gleichschritt vorangehen, unterschiedliche Interessensschwerpunkte haben (sollen) und vor allem auch die eigenen Anteile an ihren Lernprozessen entwickeln und gestalten sollen.
Lerngruppen sind sehr heterogen. Bezogen auf die individuelle Entwicklung unterscheiden sich laut Largo und Beglinger z.B. siebenjährige Kinder einer 20köpfigen Klasse bereits um mindestens drei Jahre in ihrer Entwicklung. Mit 13 Jahren variiert das Entwicklungsalter um mindestens sechs Jahre zwischen den am weitesten entwickelten Kindern und jenen, die sich am langsamsten entwickeln.
(Largo/ Beglinger (2010), „Schülerjahre. Wie Kinder besser lernen.“)
Letztlich werden (lebenslang) alle Lernprozesse entscheidend davon abhängen, ob jemand seine eigenen Interessen kennt und verfolgen kann – und hierfür das notwendige Zeitmanagement und eine vernünftige Arbeitsorganisation beherrscht.
Die Bausteine, die wir an der Stadtteilschule Stellingen in diesem Bereich entwickelt haben, bauen systematisch aufeinander auf, bieten zugleich aber jederzeit Möglichkeiten für Quereinstiege.

Unsere Bausteine in den Jahrgangsstufen in Kurzform

Jahrgangsstufen 5 und 6
Individualisierte Lernzeit

In den Jahrgängen 5 und 6 bieten wir wöchentlich sechs Stunden Individualisierte Lernzeit (ILZ) an. Hier können die Schüler_innen für die Hauptfächer Mathematik, Deutsch und Englisch bereitgestellte Unterrichtsmaterialien bearbeiten. Dabei können sie wählen, an welchem Fach sie gerade arbeiten, wie lange sie für dieses Fach arbeiten und welcher Aufgabentyp sie gerade interessiert. Der Anspruch an die Eigenverantwortlichkeit und die Wahlmöglichkeit innerhalb der Aufgaben steigt kontinuierlich innerhalb der beiden Jahre an, in allen Phasen werden Materialien verschiedener Aufgabentypen und Schwierigkeitsgrade bereitgestellt. Unserer Erfahrung nach werden häufig von den Schüler_innen für die Lernzeitstunden Aufgaben gewählt, bei denen sie sich gegenseitig unterstützen können. Zudem kann die Arbeitsform (Einzelarbeit, Partner_innenarbeit, Gruppenarbeit) und auch der Lernort (Klassenraum, Arbeitsplätze auf den Fluren, Differenzierungsräume) frei gewählt werden. Die Anzahl der Hausaufgaben und die Inhalte der Hausaufgaben sind ebenfalls frei bestimmbar.
Gesteuert werden die Lernprozesse durch diverse gemeinsam festgelegte Regeln:
• Alle Fächer müssen bearbeitet werden.
• Es gibt für jedes „Aufgabenset“ des Faches immer einen Mindestzahl an zu bearbeitenden Aufgaben.
• Diese „Aufgabensets“ müssen zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig gestellt sein und werden dann von den Lehrkräften korrigiert.
• Danach müssen ggf. individuelle Lücken nachgearbeitet werden, hierzu bekommt jede Schülerin und jeder Schüler eine Einzelrückmeldung.
Alle ILZ-Stunden werden im Logbuch mit verbindlichen Einträgen der Lernenden protokolliert:
• Was nehme ich mir heute für jedes der drei Fächer vor?
• Was habe ich heute geschafft?
• Wie zufrieden bin ich mit meinen Arbeitsergebnissen?
• Welche Hausaufgaben stelle ich mir heute?
Alle beteiligten Fachlehrkräfte geben regelmäßige Feedbacks im Logbuch (z.B. zum Arbeitsverhalten, zu Stärken und Schwächen, zum Anspruch der eigenen Ziele und zu Ergebnissen der Arbeitssets, zum Führen des Logbuchs). Sehr erwünscht sind auch Feedbacks der Eltern und der Arbeitspartner_innen aus der Klasse.
Zudem finden in regelmäßigen Abständen ca. 20 minütige Einzelberatungsgespräche statt, bei denen individuelle Vorhaben in einer Vereinbarung festgehalten werden. Diese werden dann für die kommenden Beratungen wieder herangezogen, um die eigene Entwicklung und das Erreichen der Ziele reflektieren zu können.

Jahrgangsstufen 7 und 8
Projektepochen

Die Projektepochen für den Jahrgang 7 starten erst im Sommer 2013, hier sind wir noch intensiv in der letzten Phase der Entwicklung. Es wird vier Epochen im Jahr geben. In der ersten Epoche wird gezielt die Methodenkompetenzen gestärkt werden (z.B. Wie nutze ich meine Mindmap-Aufzeichnungen später? Wie gliedere ich mein Forscherthema? Was müssen wir in Gruppenarbeitsphasen einhalten, damit sie produktiv ist?). Nach derzeitigem Stand werden die Projektblöcke vierstündig an einem Tag der Woche sein.
Die Projektepochen im Jahrgang 8 laufen bereits.

Hier werden innerhalb eines Schuljahres drei mehrwöchige Epochen zu folgenden Themenbereichen durchgeführt:
1. Leben und Arbeit im Stadtteil
(Exkursion z.B. Führung mit „Hinz und Kunzt“)
2. Klimawandel
(Exkursion in das Klimahaus in Bremerhaven)
3. Handel und Konsum
(Exkursion in den Containerhafen)
Wöchentlich findet ein fünfstündiger Projektblock an einem Tag statt, an dem sowohl gemeinsame Inputs behandelt, Methodenkompetenzen gesichert und gegenseitige Feedbacks gegeben werden. In weiten Teilen wird an diesem Tag in Gruppen an frei gewählten Forscherfragen gearbeitet, die eigene Interessen aufgreifen. Jede Gruppe arbeitet so zu einem anderen Thema – und wird zur ExpertInnengruppe für diesen Bereich. Am Ende jeder Epoche steht ein präsentierbares Produkt jeder Gruppe sowie eine individuelle Reflektion der Epoche, die auch eine Reflektion der eigenen Anteile beinhaltet. Flankiert werden die Projekttage durch ritualisiertes Protokollieren im Lerntagebuch (Was nehmen wir uns vor? Welche Schritte stehen heute an? Wer ist jeweils verantwortlich? Welche Quellen wollen wir nutzen? Was haben wir heute geschafft? Woran hat es gelegen, wenn es Mängel gab?). Innerhalb der Lerngruppen werden neue Informationen kontinuierlich im Kontext des Epochenthemas besprochen, um die Gesamtthematik im Blick zu behalten und sich nicht nur auf die eigenen Ausschnitte zu spezialisieren.

In den Projektepochen in Jahrgang 8 finden zudem wöchentliche Informatikinputs statt, die einen produktiven und kompetenzorientierten Umgang u.a. mit den bereitgestellten Netbooks sichern, sinnvolle Internet-Recherche steuern, aber auch z. B. das Erstellen von Excel-Tabellen, Powerpoint-Präsentationen anleiten. Am Ende der Epoche wird entsprechend auch jeweils eine Note für die Epoche und für den Informatikanteil vergeben. Die Feedbacks und Bewertungen der Produktpräsentationen werden von Lehrenden und Klassenkamerad_innen gemeinsam vorgenommen, hierfür haben wir Bewertungsraster entwickelt.
Wie in der ILZ in den Jahrgängen 5 und 6 werden regelmäßige Beratungen der Gruppen durchgeführt und protokolliert.
Die Schüler_innen gestalten ihre Klassen als „Lernbüros“, in denen Forscherecken eingerichtet werden (Fachbibliotheken), Recherchetische mit Netbooks aufgebaut werden, Stellwände mit Fachinformationen kontinuierlich bestückt werden und Transparenz über den jeweiligen Stand der Forschung und Arbeitsphase aller Gruppen geschaffen wird. Zeitleisten der Epochen helfen den Gruppen bei ihrem jeweiligen Zeitmanagement. Außerschulische Lernorte werden systematisch in die Forscherphasen eingebaut, diese können je nach Thema Interviews in Fischläden oder mit Passant_innen, aber auch Besuche von Museen, Bibliotheken, spezialisierten Institutionen sein. Die Gruppen dürfen nach Rücksprache während der Projekttage die Schule verlassen, um eigenständig zu recherchieren.

Jahrgangsstufen 9 und 10
Profilangebote

Für die Jahrgangsstufen 9 und 10 sind wir derzeit in der Entwicklung von Profilangeboten. Diese werden im Schuljahr 2014/15 starten. Wir stehen hierfür in engem Austausch mit Hamburger Schulen (v.a. der Stadtteilschule Bergedorf und der Stadtteilschule Blankenese), die bereits seit Jahren erfolgreich mit Profilen arbeiten.

Zudem beteiligen wir uns ab Januar 2013 an dem bundesweiten Netzwerk „Ganztagsschule 2013 und 2014“ im Programm „Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, um von den Erfahrungen aus den Entwicklungsprozessen anderer Schulen zu profitieren.

Jahrgangsstufe 11
Individualisierte Lernzeit

In der Jahrgangsstufe 11 haben wir in den Fächern Englisch und Mathematik ebenfalls (einstündige) individualisierte Angebote eingeführt, die sowohl fachübergreifend die eigene Lernhaltung reflektieren und optimieren helfen, aber auch auf die beiden Fächer bezogen eigene Stärken und Schwächen herauskristallisieren helfen. Individuelle Lerntagebücher z.B. in Mathematik und enges Feedback der Fachlehrkräfte unterstützen die Entwicklung eigener Entwicklungsschwerpunkte, um optimal auf die gymnasiale Oberstufe und das Abitur vorzubereiten.
Derzeit arbeiten wir an einer engen Vernetzung des Seminarfachs im Jahrgang 11, in dem u.a. Methodenkompetenzen für eigenverantwortliches Lernen gefördert werden, und der Individualisierten Lernzeit in Mathematik und Englisch.

Unser roter Faden der Individualisierung
• Schülerinnen und Schüler durchlaufen die Klassenstufen natürlich in einer chronologischen Reihenfolge. Entsprechend bauen unsere individualisierten Lernangebote auch so aufeinander auf, dass altersgerechte Angebote geschaffen werden, die die Eigenverantwortlichkeit der Lernenden fordern, ohne die Lernenden zu überfordern.
• Alle individualisierten Lernangebote bieten die Möglichkeiten unterschiedlicher Lernzugänge und Schwierigkeitsstufen.
• In allen Angeboten bilden ritualisierte Abläufe (z.B. Einstiege und Abschlüsse von Lernzeiten und Projektphasen) sowie die flankierende Dokumentation in Logbüchern oder Lerntagebüchern feste Bestandteile.
• Über die Einträge der lernenden sowie das Feedback der Lehrenden sichern wir Transparenz über individuelle Lernfortschritte für Lernende, Lehrende und auch für Eltern.
• Zugleich bieten diese Dokumentationen zusammen mit den regelmäßigen Beratungen eine systematische Begleitung, die bei Schwierigkeiten unterstützt und bei Fortschritten ermutigt.
• Die Kompetenzen bauen systematisch aufeinander auf – und der Anspruch steigert sich kontinuierlich. Während z.B. im Jahrgang 5 noch Wahlfreiheiten innerhalb der Aufgabensets bestehen, können Forscherthemen in den Projektepochen über mehrere Wochen frei gestaltet werden. Wir unterstützen hierbei den systematischen Aufbau von Methodenkompetenzen genauso wie von fachübergreifenden und fachbezogenen inhaltlichen Kompetenzen. Während es in den unteren Stufen besonders wichtig ist, den Start in den Hauptfächern zu sichern und ggf. auch Lücken systematisch zu schließen (dieses gilt auch wieder in Jahrgang 11), haben wir in den höheren Jahrgangsstufen die Themen so angelegt, dass sich gesellschaftliche Themen und Fachschwerpunkte so eröffnen, dass sich nach und nach eigene Profile und Interessensschwerpunkte herausbilden können.
• Alle Lernangebote werden von Fachteams entwickelt und über mehrere Jahre optimiert. Wir gehen davon aus, dass so viele gute Ideen einfließen und viele Augen mehr sehen, als nur zwei. Materialien werden ständig optimiert.
• Kontinuierlich finden auch fachübergreifende Austausche aller Beteiligten innerhalb der Jahrgangsangebote statt, bei denen stärker die Lehr-und Lernkonzepte und weniger die Fachinhalte im Fokus stehen. Auch dieses ist ein Baustein unseres Qualitätsmanagements.
• Der übergreifende rote Faden wird durch regelmäßige Treffen der Koordinator_innen aller Jahrgänge gewoben und gesichert. So behalten wir die Perspektive der Lernenden und das Gesamtkonzept mit allen Feinheiten im Blick.
• Letztlich werden alle individualisierten Lernangebote regelmäßig auch von den Schülerinnen und Schülern selber evaluiert. Ihre Meinung als Expert_innen ist uns wichtig! Wir treten auch in den Austausch mit ihnen über etwaige Verbesserungsbedarfe.
• Auch für die bilingualen Klassen sind die individualisierten Lernangebote angepasst, indem sie z.B. in den Projektepochen bilingual durchgeführt werden. Methodenkompetenzen und Hilfestellungen zu eigenverantwortlichem werden entsprechend auch auf Spanisch geübt.

Die Stadtteilschule Stellingen ist in das bundesweite „Netzwerk Ganztagsschule“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung aufgenommen.

„Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“ ist ein Schulentwicklungsprogramm zur Beratung und Begleitung von Ganztagsschulen in allen 16 Bundesländern. Bund und Länder haben 2004 die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung für die Umsetzung des Programms ausgewählt, finanziert wird es vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Europäischen Sozialfonds.

www.ganztaegig-lernen.de

Den Lernzeit Flyer können sie im unteren Bereich dieser Seite downloaden.