Sarajevo-Austausch

Acht Stellinger Jugendliche erleben beim zehnten Sarajevoaustausch 10 aufregende Tage mit dem Bus durch Europa und in Bosnien und HerzegowinaWir lachen viel, staunen über tiefgründige Fragen und Gedanken, lassen uns gemeinsam von Ausstellungen beeindrucken, gleiten durch abenteuerliche Stromschnellen beim Raften, genießen leckeres Essen, … Der Start. ZOB Hamburg, Freitagmorgen 6:00 Uhr, Ende August – Nun geht es endlich los. Acht aufgeregte und müde Jugendliche erobern die letzten Reihen des Busses. Die ersten Kilometer sind entspannt, die Stimmung ist gut. Die lange Busfahrt ist gleichzeitig geografische Bildung (so weit können 1.700 km sein), politische Bildung (nicht jeder käme so entspannt über die Grenze wie wir), Teambuilding und Erleben von Zeit („Was?! Schon da. Das ging ja jetzt schnell… „).

Die Gruppe aus Neunt- und Zehntklässlern lernt sich gezwungenermaßen näher kennen und es wird mehr als nur der Name ausgetauscht. Wir senken den Altersdurchschnitt des mit jeder Station voller werdenden Busses, den Lautstärkepegel schrauben wir leider jedoch teils in die entgegengesetzte Richtung.

Plötzlich sind wir schon in Bayern und zu später Stunde kehrt ab Slowenien mehr Ruhe ein. Wenn wir für den Grenzübergang Slowenien – Kroatien nicht den Bus hätten verlassen müssen, hätten wir alle vielleicht sogar durchgeschlafen bis zum Morgen…
Die Busfahrt ist lang, aber vielleicht sollten wir es als Abenteuer sehen, das wir machen können, weil wir es wollen. Wir sind nicht aus wirtschaftlichen oder sicherheitsbedingten Gründen dazu gezwungen, wie manch Andere, die lange Zeit den Weg in die entgegen gesetzte Richtung gingen oder fuhren.
An zwei der vier Grenzen können wir einfach durchfahren, an den anderen muss der Bus teils über eine Stunde warten für Aus- und Einreise. Dennoch scheint der Weg in die andere Richtung komplizierter – wir sehen Stau.

Manch einer der Jugendlichen lernt, dass Steckdosen nicht immer und überall funktionieren, dass das Leben ohne Handyakku im Bus für einige hart ist, dass man irgendwann nicht mehr sitzen kann und mag und dass man in nur 13 Stunden zur bequemen Schlaflehne des Nachbarn werden kann ohne sich vorher gekannt zu haben.
Samstag, 9:45 – Wir kommen an und sind zu früh. 2 Stunden. Wer hätte das gedacht.
Wir sitzen im Café, die Austauschpartner des Vierten Gymnasiums in Ilidža trudeln ein und Paare finden sich. Duschen, Essen und Familienzeit. Beim Wiedersehen hören wir schon erste Kommentare, dass sich in den Gastfamilien wie Zuhause gefühlt wird. So soll es sein.

Es ist sehr besonders für uns, eine hamburger Gruppe mit so verschiedenen kulturellen Einflüssen zu begleiten. Ilidžas Bürgermeister merkt an, dass man gar nicht erkennen kann, wer aus Hamburg und wer aus Sarajevo ist. Einige Familien der Hamburger haben auch Wurzeln im Balkan. Im Bus beim gemeinsamen Ausflug werden lautstark gemeinsam Lieder gesungen – auf Bosnisch und auf Deutsch. Ein Lied von zwei Sängern aus Sarajevo und einem aus Österreich hat sogar persönlichen Bezug zum Vierten Gymnasium. Buba Corelli war selbst Schüler dort und wurde von den Lehrinnen unterrichtet, die den Austausch begleiten.

Wir erleben so Vieles: ein Spaziergang zur Quelle der Bosna, die Altstadt mit habsburger und orientalischen Einflüssen, bewegende Ausstellungen zum Massaker in Srebrenica, zu Kindheit im Krieg, Raften mit viel Adrenalin durch tolle Landschaft und wilde Stromschnellen, wie fahren zum Berg Trebević und zur alten olympischen Bobbahn mit der erstmals seit dem Krieg wiedereröffneten Seilbahn, wir besuchen die Deutsche Botschaft, eine Moschee, sind beim Bürgermeister eingeladen und besuchen das Tunnelmuseum, wo uns der Sohn der Familie begrüßt, in dessen Haus der Tunnel endete. Wenn man Bosnier fragt, erfährt man von Schicksalen, die der Krieg in manchen Familien bewirkt hat. Eine Gastschülein spricht berührt davon, sagt aber gleichzeitig trotz all des Schmerzes hat sie Nichts gegen bestimmte Menschen oder Gruppen. „Meine Eltern haben mir beigebracht, andere Menschen nicht zu hassen.“ So sollte es in allen Köpfen aussehen.

Aus den Köpfen der Jugendlichen sprudeln bei der Projektarbeit zum Thema Identität spannende Fragen und Postkarten werden gestaltet. Vielleicht tauchen noch mehr Fragen auf, vielleicht bewegen sie weiter.

Wieso? Was ist mir für mein Leben wichtig? Wofür leben wir? Wer bin ich? Wieviel kann ich für mein Glück tun? Möchte ich später etwas bewegen? Wer bin ich in 10 Jahren? Bleibe ich nur eine Erinnerung? Gibt es Schicksal? Wie sehen mich andere Menschen? Ist es schlimm anders zu sein? Bin ich Deutsche oder Ausländerin? Was ist Heimat für mich? Werden unsere Pläne gut sein? Sind wir zufrieden? Macht es Sinn? Gibt es Gott? Was passiert nach dem Tod? Warum gibt es Krieg und warum unterstützen das so viele? Wenn es keine Religionen gäbe, würde es dann keine Kriege und keinen Hass mehr geben? Warum gibt es Rassismus?

Sarajevo wirkt teils wie eine Stadt wie viele andere. Einkaufszentren und viele Geschäfte, kleine Restaurants und Imbisse, Verkehr, Altstadt und Wohnhäuser. Aber irgendwie bebt in der Stadt ein anderer Grundton. Ivo Andrić, Literaturnobelpreisträger, sagte mal:
„Egal zu welcher Tageszeit und von welcher Anhöhe man auf Sarajevo blickt, man wird unwillkürlich immer das Gleiche empfinden: Das ist die Stadt, die in sich zusammenfällt und stirbt und gleichzeitig aufersteht und sich entfaltet.“ Vielleicht spüren wir davon etwas.

Moscheen, orthodoxe und katholische Kirchen, Synagogen – alle nah beeinander. Neben einem renovierten Haus, sieht man eins an dem die Kriegswunden mit vielen Einschusslöchern noch zu sehen sind. Außerhalb der Innenstadt prägt an mancher Stelle ein Friedhof nach dem anderen das Bild. Mal nach Religionen getrennt, mal gemischt.

„Sarajevo ist nicht die Stadt der Superlative, aber jeder, der durch die Baščaršija oder entlang der Miljacka spaziert ist, der die Moscheen, Kirchen und Tempel bestaunt oder von einem der Hügel auf die Stadt geblickt hat, wird den Sarajli – den Einwohnern Sarajevos – nicht widersprechen wollen, die sagen, dass ihre Stadt eine Seele hat.“ (Marko Plešnik)

Im Laufe der Woche entstehen neue Fern-Familienkonstellationen. Bosnische Mütter, die sagen anstatt zwei hätten sie nun drei Kinder. Eine Hamburger Schülerin, die nun zwei Schwestern und eine zusätzliche Mama hat.

Samstagnachmittag eine Woche später: Viele sind traurig, es gibt Tränen. Einige würden am liebsten hier bleiben und „der Bus soll bitte eine Panne haben und nicht abfahren.“ Viele wollen wiederkommen.

Was hast du dazu gelernt in den letzten Tagen?
„Ich habe viel über den Krieg von früher gelernt und wie es für die Kinder war. Wie sie zurecht gekommen sind und mit was sie auskommen mussten.“
„Ich habe über mich selbst gelernt, dass ich mich schneller als gedacht für andere Menschen öffnen kann.“
„Ich habe gelernt mich mit komplett fremden Leuten, mit einer anderen Kultur in einem anderen Land anzufreunden und zu verstehen. Ich hätte niemals gedacht, dass ich sowas schaffe.“

Die Einreise in die EU dauert lange. 3,5 Stunden warten wir insgesamt an verschiedenen Grenzen. An der Deutschen Grenze kommt die Polizei in den Bus und schaut die Pässe an.“ Nur die Bosnischen werden eingesammelt, welch eine Ungerechtigkeit“, beschweren die Jugendlichen sich.

Müde kommen wir am Abend in Hamburg an. Noch eine Woche, dann kommen die Bosnier zu Besuch. Ein Glück.

Wir bedanken uns herzlich bei unseren Förderern

 

„Sarajevo-Austausch – Einladung zum Abschlussabend: FRAGEN AN DICH, MICH & DIE WELT

Wir wollen gemeinsam den letzten Abend von zwei spannenden Wochen verbringen und laden alle herzlich dazu ein!

Wann: Freitag, 14.9., 17:00 Uhr
Wo: Pausenhalle STS Stellingen, Brehmweg 60
Wer: Freunde, Verwandte, Interessierte“

Die Teilnehmenden:
Stadtteilschule Stellingen:
Aaliyah K.
Aidan H.
Anna V.
Deborah E.
Lorena Vujevič H.
Malik A.
Mila R.
Noah S.

Viertes Gymnasium Ilidža:
Hamza K.
Emina B.
Ajša B.
Irvin Ć.
Hanah H.
Selma S.
Zinedin H.

Lehrerinnen: Snježana Karaga, Armina Pozderac